Samstag, 11. Januar 2014

07.01. 16 km nach Puyuhuapi  - 27 km vor Villa Amengual 48 km
Standortkoordinaten: S44.64024, W072.37805

Simons Idee heute ist nicht das Rad zu benutzen, sondern einen Fußmarsch zum Vetisquero Colgante, dem Hängegletscher zurückzulegen. Es ist zwar eine gute Abwechslung auch andere Muskeln zu benutzen, allerdings will ich streiken. Mittlerweile bin ich reif für einen Ruhetag. Ich lass mich doch zur Wanderung hinauf zum Aussichtspunkt breitschlagen. Nach 1,5 Stunden erreichen wir den Mirador und ich bin hin und weg vom Gletscher und den Wasserfällen. Der Ausflug hat sich gelohnt. 

Wir treffen auf dem Rückweg auch wieder die zwei Franzosen. Am Nationalpark angekommen, treffen wir einen weiteren Reiseradler aus Deutschland. Es ist der 10te Radler auf der Carretera Austral in kurzer Zeit, den wir treffen. Nach etwa 5 km treffen wir denjenigen, dem das zerbrochene Rad von gestern gehört, er ist mittlerweile zu Fuß unterwegs. Na dann viel Spaß. 

Heute müssen wir noch 30 Haarnadelkurven hinauf auf einen 500 m Pass weiter auf Schotterstraße zurücklegen. Nach der Abfahrt treffen wir auch unsere Schweizer-, Französische Gruppe wieder. Wir entschließen uns am Fluss zu zelten, da der Tag doch ziemlich lang war. Mit Lagerfeuer lassen wir den Abend ausklingen. Nach 13 Stunden und 60 zurückgelegten km kommt auch der andere Reiseradler zu Fuß in unserem Camp an. 

Hängegletscher 


Camp am Fluss

Freitag, 10. Januar 2014

06.01. La Junta - 16 km nach Puyuhuapi 65 km
Standortkoordinaten: S44.44617, W072.59603

So schnell kann es sich ändern. Schon beim Losfahren regnet es. Und heute spielen wir mal das Spielchen: Regenjacke an, Regenjacke aus, Regenjacke an, Regenjacke aus. Immer wenn wir die Regenmontur gerade anziehen hört es auf zu regnen. Ziehen wir sie aus, fängt es wieder an. Es ist zum verrückt werden. Nach einigen Runden vergeht uns die Lust am Spiel. Also entscheiden wir uns für Regenjacken ausziehen. Fängt dann natürlich direkt an aus Eimern zu schütten. Da kommt uns die Idee: Ich ziehe die Jacke aus und Simon die Jacke an. Mal sehen was passiert. Und was passiert? Das Wetter kann sich nicht entscheiden und schickt nun feinen Nieselregen ins Spiel. Na gut, damit können wir mit und ohne Jacke leben.

Neben der Straße steht ein zerbrochenes Fahrrad. Der Rahmen ist schon geschweißt worden, ist aber wieder gebrochen. Und aus dem Vorderrad sind 11 Speichen herausgebrochen. Es errinnert an ein Skelett in der Wüste. Und es erscheint uns wie eine Warnung an alle Fahrradfahrer: Carretera Austral, ab hier erwartet euch nur noch Tod und Verderben.

Das kleine Nest mit dem witzigen Namen Puyuhuapi in dem wir mittags ankommen, wurde übrigens 1935 von Sudetendeutschen gegründet und es gibt heute noch eine Hamburger Schule und deutsche Straßennamen. Und erst irgendwann in den achtziger Jahren kam dann der Straßenanschluss. Vorher kam man nur mit dem Boot hier her. Wir plündern noch kurz den Krämerladen und fahren dann weiter zu einem kleinem Zeltplatz direkt am See. Schön so eine heiße Dusche nach einem verregneten Tag. Und wie schon die in den letzten Tagen fragen wir uns: wo sind die Touristen? Es ist Hochsaison und wir sind mal wieder alleine auf dem Zeltplatz. Auf den Straßen ist auch nichts los. Haben heute vielleicht zwanzig Autos und einen Lastwagen gesehen.







Unsere Heimat




Zeltplatz am See

05.01. Villa Santa Lucia - La Junta  73 km
Standortkoordinaten: S.43.97075,W072.40245

Heute ist es also soweit. Für uns beginnt hier die berühmt berüchtigte Carretera Austral. Über 1000 Kilometer übelste Schotterpiste, Regen, Regen und nochmals Regen. Oder wie heißt es so schön: hier regnet es 370 Tage im Jahr. Und Stürme von 100 Kilometern pro Stunde und mehr. Ihr werdet von den Fahrrädern geblasen. Selbst an Schieben ist nicht zu denken. Und Straßenstaub. Oder wie uns ein deutscher Motorradfahrer in Peru sagte: „Ihr wollt die Carretera Austral fahren? Mit dem Fahrrad? Das heißt für euch 1300 Kilometer Staub fressen. Viel Spaß!" Und Kilometerlange Baustellen. Da sinkt ihr mit euren Fahrradreifen knöcheltief ein. Ihr müsst Teile mit dem Bus zurücklegen, so schlecht ist der Belag.

Aber wie immer kommt alles anders als man denkt. Ja was soll das denn? 8:00 Uhr morgens, blauer Himmel, Sonnenschein, absolute Windstille. Immerhin ist die Schotterpiste noch geblieben und nicht durch Asphalt ersetzt worden. Noch nicht. Naja, wir wollen uns nicht beschweren. 70 Kilometer Baustelle liegt heute vor uns. Die ersten fünfzig Kilometer denken wir: schöner kann es gar nicht sein. Wald, soweit das Auge reicht, glasklare Flüsse und türkisblaue Seen vor schneebedeckten Bergen. Nur kann ich die Straße nicht immer vom Flußbett untscheiden. So grob ist der Schotter und die letzten zwanzig Kilometer sind dann doch sehr anstrengend. 

In La Junta angekommen haben die paar Krämerladen alle geschlossen. Nein, haben sie eigentlich nicht, nur brennt es am Ende des Dorfes gerade und da müssen natürlich alle Dorfbewohner mal gucken gehen was da so los ist. Also wie zu Hause wenn endlich mal was passiert. So, Feuer ist gelöscht, alle zurück vor den Fernseher oder eben noch mal den Krämerladen öffnen. Im Garten von Vientos del Sur, einem Ferienhaus, können wir Zelten und bald kommen auch die beiden Franzosen Anna und Laurent und schlussendlich auch die beiden Schweizer Rosina und Mirko an.

Die berühmt berüchtigte Carretera Austral
Franzosen Anna und Laurent
Rosina und Mirko (Schweizer)



04.01. Futaleufú - Villa Santa Lucia 78 km
Standortkoordinaten: S.43.41187, W072.3664

Der heutige Tag führt uns erst einmal Richtung Westen. Die Carretera Austral muss noch 1 Tag auf uns warten. Es ist trocken und der Wind gegen uns hat noch nicht eingesetzt, wir rechnen aber minütlich damit. Bis auf das die Straße ungepflastert ist, könnte diese wunderbare Gegend mit ihren verschneiten Gipfeln in der Schweiz liegen. Die Flüsse die wir immer wieder erreichen laden geradezu zum Baden ein, allerdings ist das Wasser so kalt, dass wir nicht mal den Zeh reinhalten. Das Wasser ist so klar. 

Immer wieder entdecken wir auf der Strecke weitere Reifenspuren. Wer mag das wohl sein, wieweit ist der oder die Radfahrerin vor uns? Wir wissen, dass Rosina und Mirko, zwei Schweizer mit denen wir uns in Bolivien trafen, etwa 2 Tage vor uns sein müssen. Die letzten Kilometer nach Villa Santa Lucia sind ziemlich anstrengend, da der patagonische Wind eingesetzt hat. Zum nächsten Dorf schaffen wir es auch noch. Uns kommen 2 chilenische Wochenendradfahrer entgegen und wir erfahren, dass ein Tandempärchen im Dorf sei. In Villa Santa Lucia  angekommen, sehen wir im Garten eines Hauses nicht nur ein Tandem stehen, sondern auch noch 2 weitere Räder. Ich kann es kaum glauben, aber schon liegen Rosina und ich uns in den Armen. Die zwei sind doch nicht soweit vor uns gewesen. Heute sogar nur eine halbe Stunde. 

Mit dem französischen Pärchen Anna und Laurent und Rosina und Mirko campen wir im Garten bei einer Familie. Abends machen mir uns Stockbrot frisch auf dem Lagerfeuer. Wir Frauen gehen aber erstmal die kleinen Minimärkte in dem 100 Seelendorf aufsuchen um etwas essbares zu finden. Zur Feier des Tages gibt es eine Flasche Wein und am Lagerfeuer lassen wir den Tag hinter uns. Gegen 22 Uhr erscheint noch ein weiterer Radfahrer aus Frankreich der ziemlich erledigt sein Zelt aufbaut. 

Viehtreiben
Franzosen, Schweizer und wir

Samstag, 4. Januar 2014

03.01. Trevelín (Argentinien) - Futaleufú (Chile) 51 km
Standortkoordinaten: S43.18462, W071.86096

Wir stehen etwas eher auf, da wir doch einiges an Kilometern auf Schotter fahren müssen und der Weg führt uns heute zum Pass Futaleufú auf die chilenische Seite. Leider Richtung Westen und damit für uns Gegen den Wind. Trotz der zeitweise ziemlich ätzenden Straße zeigt mein Tacho zwischendurch sogar auch mal 15 km/h an, wow ist das ein Gefühl und das bei Gegenwind und kleiner Bergabstrecke. Da freue ich mich auf jede 500 geschafften Meter. 

Heute sind es nur einige Autos die in Richtung Grenze nach Chile wollen, rundum ein entspannter Verkehr für uns. Auch heute ziehen wir uns warm an und die Fleecehandschuhe kommen so richtig zum Einsatz. Bei km 30 bleibt Simon abrupt stehen und braucht dringend die Luftpumpe, na super mitten im Nirgendwo und es ist schweinekalt. In 500 m kommt ein klitzekleines Dorf namens Los Cipreses, mit einem windgeschütztes Plätzchen. Dort verbringen wir unsere Mittagspause und essen unsere letzten Vorräte auf, denn die Chilenen sind nicht sehr erfreut, wenn Lebensmittel in ihr Land gelangen. Wir pumpen Luft in Simons Hinterreifen und hoffen, dass er noch bis Futaleufú durchhält. 

Die Ausreise aus Argentinien ist schnell erledigt und kurz dahinter im chilenischen Grenzhäuschen werden unsere Radtaschen auf Lebensmittel durchsucht. Unser Müsli und die Kekse dürfen wir behalten. Was sehe ich: Asphalt! Direkt ab der Grenze und damit für heute die letzten 10 km bis nach Futaleufú. In der kleinen Touristeninformation stellen wir die üblichen Fragen: gibt es einen Supermarkt, wo ist der nächste Campingplatz und die Tankstelle? Bei Frage Nummer 3 bekomme ich zu hören, dass es hier keine Tankstelle gibt. Etwa 1,5 Stunden weiter in Palena wäre eine. Heißt für uns Fahrradfahrer 1,5 Radtage in dem Fall. Und wo tanken die Bewohner hier frage ich die nette Señora? Die Futaleufúaner (oder wie heißen die?) tanken im argentinischen Trevelín. Mist, da kommen wir gerade her. Wir können nicht kochen, unser Benzin ist leer. Dann hilft nur ein späterer Besuch in einem Eisenwarenladen, der erst in 2 Stunden öffnet. Auf dem Campingplatz Laguna Espejo dürfen wir aber die Küche benutzen und machen es uns dort windgeschützt gemütlich.





zelten in der Küche

02.01. Lago Rivadavia - Trevelín 80 km
Standortkoordinaten: S43.09248, W071.45909 Höhe 390 m

Unser Rhythmus hat sich seit Ecuador und Kolumbien geändert. Wir schlafen regelrecht aus, denn die Tage sind hier irgendwie länger und es bleibt bis 22.00 Uhr hell. Die Nacht war schön ruhig, aber sehr regnerisch. 

Zur Fahrt ziehen wir heute unsere warme Ski-Unterwäsche, Handschuhe und Mütze an, denn ohne Sonne und Wind ist es doch recht frisch. Mehr als 9 Grad zeigt das Thermometer nicht. Und das ist der patagonische Sommer? Wir kommen sehr gut voran und irgendwann kommt dann doch die Sonne zum Vorschein. Also gibt es den Sommer doch irgendwie. Der Nationalpark Los Alerces mit seinen kleinen und großen Seen ist wunderschön, da stört es mich auch gar nicht, dass wir auf Schotter fahren. 

Kurz hinter dem Nationalpark dürfen wir auf Asphalt die letzten 35 km abradeln. Der Wind ist heute mit uns und am Nachmittag erreichen wir das kleine niedliche Dorf Trevelín mit meinem mittlerweile Lieblingssupermarkt La Anomina. Wir campen heute bei Nestor, einem argentinischen Amateur-Radrennfahrer, zwar nicht kostenlos aber dafür mit heißer Dusche und wir sind allein auf dem netten Campingplatz.

Zelten mit Mäuseplage



01.01. Lago El Epuyen - Lago Rivadavia 82 km
Standortkoordinaten: S42.66557, W071.67490 Höhe 535 m

Wir wünschen allen ein frohes neues Jahr. 

Kaum zu glauben, aber wahr: Wir verbringen nun schon die achte Nacht in Folge auf einem Campingplatz ohne Ruhestörungen. Und das in Argentinien und dazu noch in der Hochsaison. Unglaublich, haben doch die Südamerikaner und besonders die Argentinier ein ganz anderes Lärmempfinden als wir und eine ganz andere Einstellung zur Privatsphäre. 

Herrlich ist auch der Verkehr hier in Patagonien. Ganz anders als in der argentinischen Pampa, die wir vor sieben Monaten durchfuhren. Gestern hatte uns zum Beispiel auf 42 Kilometern nur ein einziger Lastwagen überholt und die Autos halten zumindest einigermaßen Abstand. Die Bremsen hier sogar ab, wenn sie sehen, dass es knapp wird. Sensationell! 

Der Morgen beginnt sonnig, aber windig. Auch wenn ich mich wiederhole, die Landschaft ist herrlich. Schon komisch, die Berge wurden in den letzten Tagen mit Neuschnee versehen. In Peru waren die Berge auf 4.500 m Höhe nicht einmal mit Schnee bedeckt. Nach 51 km kurz hinter Cholila hört der Asphalt auf und wir dürfen endlich Schotterstraße fahren. Nach weiteren 7 km bleibt Simon stehen und kann nicht weiterfahren, denn sein Hinterrad ist platt. Das fehlt uns jetzt auch noch. Der Reifen wird ausgebaut. Wir finden das Loch nicht. Wasser haben wir auch keines um zu prüfen, an welcher Stelle das Loch ist. Improvisieren ist angesagt. Wir müssen unseren Tee opfern. Auf den letzten 30 km werden wir schon nicht verdursten. 

Nach etwa einer halben Stunde ist alles wieder paletti und wir wollen gerade weiterfahren, da kommt uns ein argentinischer Radfahrer aus Buenos Aires entgegen, der ein wenig sein Land unsicher macht. Von ihm erfahren wir auch, dass wir im Nationalpark zelten können. Der Gegenwind hält sich heute in Grenzen, trotzdem kommen wir ziemlich k.o. auf dem Campingplatz an. 

Auf Schotterstraße ist es doch nochmal anstrengender und durch das ganze Auf und Ab sind es dann heute auch über 1500 Höhenmeter. Das Zelt müssen wir in einer kleinen Schutzmauer aufbauen, denn der Nationalpark Los Alerces wird gerade von einer Mäuseplage heimgesucht und die kleinen Nager verbreiten fröhlich den gefährlichen Hantavirus. 





Plattfuß